Das sind doch nur die Hormone! Wirklich?

Hormonveränderungen finden andauernd in deinem Körper statt, daran ist zunächst einmal nichts bedenklich. Im Gegenteil – ohne die regelmäßigen Anpassungen an Umgebung und Situation wäre dein Körper nicht in der lebensnotwendigen Balance. Es kann aber zu hormonellen Ungleichgewichten kommen, die, wenn sie chronisch werden, alles andere als angenehm sind und zur Belastung werden sowie zur psychischen und physischen Schieflage führen können. Wieso bei der Ursachensuche auch über den Tellerrand des Hormonsystems geschaut werden sollte und warum die Psyche nicht nur im Rahmen der Folgen, sondern auch als Auslöser in Betracht gezogen werden kann, erfährst du in diesem Beitrag.


Wenn das Wörtchen “nur” nicht wäre…


Mit dem kleinen, aber feinen Wörtchen “nur” wird in gewisser Weise suggeriert, dass eine bestimmte Situation an sich ja nicht so wild ist. Zum Beispiel kurz vor deiner Periode: “Das sind nur die Hormone, denen bin ich eben ausgeliefert.” Ja, Hormonveränderungen sind in manchen Situationen Teil der normalen Körperreaktion: Menstruationsphasen, Schwangerschaft, akute Stresssituationen. Machtlos ausgeliefert bist du diesen Hormonreaktionen aber grundsätzlich auch nicht. Mit etwas Körperverständnis kannst du auch den “normalen” Hormonschwankungen wohlwollend begegnen. Zum Beispiel kannst du durch bewusstes Zyklus-Tracking feststellen, an welchen Tagen du dich wohl und ausgeglichen fühlst und wann du eher einen Gang runter schalten solltest. Denn die Hormone der jeweiligen Zyklusphasen können deine Stimmung stark beeinflussen. Ein echtes Hormonungleichgewicht unter dem du dauerhaft leidest, ist alles andere als witzig. Herrscht ein Hormonchaos in deinem Körper kann das wirklich unangenehm & sehr einschränkend sein.


Nun aber zum eigentlichen Punkt: Ja, Hormone können deine Stimmung beeinflussen, aber es sind meist eben nicht nur die Hormone, sondern ein ständiges Zusammenspiel zwischen deiner Veranlagung, deiner Umwelt, deiner Prägungen, deiner Erlebnisse, deiner Beziehungen, deiner Ernährung. Der Hormonstatus kann dann das Endergebnis dieser Addierungen sein und es gilt, die “Unbekannte” zu finden. Was genau ich damit meine, erkläre ich dir weiter unten in diesem Beitrag.


So arbeitet dein Hormonsystem: kurz & knackig am Beispiel von Cortisol


Um zu verstehen, welche Ursachen für ein Hormonungleichgewicht verantwortlich sein können, ist es wichtig, ein Grundwissen über das Hormonsystem zu erlangen. Wenn du dich zunächst tiefer einlesen möchtest und wissen willst, wie das Hormonsystem im Detail funktioniert, empfehle ich dir vorab meinen ausführlichen Beitrag: So entstehen Hormone.


An dieser Stelle reicht eine kleine Zusammenfassung vom oben genannten Beispiel Cortisol: wann, wie und wo wird das Hormon gebildet und was bedeutet das für deinen Körper?


Die Hormonbildung findet in einem ausgeklügelten System und innerhalb eng aufeinander abgestimmter Regelkreise statt. Den Takt gibt das Zwischenhirn an, angeführt durch Hypothalamus und Hypophyse – so auch im Rahmen der Cortisol-Bildung. (Zum Verständnis: Cortison ist eine inaktive Vorläufersubstanz von Cortisol. Diese kann in der Leber zu Cortisol umgewandelt werden). Erhält die Hypophyse über das vom Hypothalamus gebildete Releasing-Hormon (release = freisetzen) CRH eine entsprechende Anweisung zur Arbeit, bildet sie das Hormon ACTH, welches auf die Nebennierenrinde wirkt und v.a. die Bildung von Cortisol anregt.


Im Rahmen der sog. Basalsekretion sorgt Cortisol u.a. dafür, dass dem Körper ausreichend Glucose zur Verfügung steht. Außerdem ist es an der Knochenbildung, dem Fettabbau sowie an der Steigerung des Blutdrucks beteiligt. Zusätzlich wirkt es entzündungshemmend und immunsuppressiv. Basalsekretion bedeutet in diesem Beispiel, dass genau so viel Cortisol produziert wird, wie gerade für den Erhalt des Grundstoffwechsels benötigt wird. Das Hormon unterliegt tageszeitenabhängigen Schwankungen und ist z.B. morgens (unter normalen Umständen) am höchsten – man spricht hier vom zirkadianen Rhythmus.


Nicht umsonst trägt Cortisol den Zweitnamen “Stresshormon”, denn wird die notwendige Sekretion des Hormons dauerhaft überschritten, ist oft akuter oder chronischer Stress beteiligt. Dann befindest du dich kurzzeitig/unentwegt im sog. Fight & Flight Modus. Diese Mehrproduktion ist zunächst einmal sinnvoll, denn sie ermöglicht dem Körper in der Stresssituationen aktiv zu werden und steigert das Energielevel. Die für diesen Moment nicht notwendigen Körperfunktionen werden in der Akutsituation kurzzeitig “ausgeschaltet”, damit mehr Kraft für den Rest bleibt.

Vegetatives Nervensystem: Fight & Flight Modus in Stresssituationen

Du merkst an dieser Stelle: gegen manche Hormonreaktionen kannst du tatsächlich auf den ersten Blick nichts unternehmen! Die Aufgabe von Cortisol ist einfach u.a. die Bereitstellung von Energie für einen Angriff. Aber das ist auch wichtig, denn diese Reaktion passiert aufgrund einer vermeintlichen Gefahrensituation und im Falle von Gefahr muss dein Körper bereit sein, mehr Energie aufzubringen, um zu überleben. Für die dauerhafte Ausschüttung kann man nun nicht das Hormon Cortisol als alleinigen Schuldigen betiteln, sondern sollte die chronische Stresssituation dahinter betrachten.

Was hat deine Psyche mit deinem Hormonsystem zu tun?


Der Stressmechanismus im Körper ist ziemlich gut erforscht und wird oft als Beispiel herangezogen, wie die einzelnen Körpersysteme aufeinander einwirken. Oft denken wir bei Stress aber nur an die offensichtlichen Stress-Situationen. Oft sind es auch versteckte Stress-Themen, die bei jedem Menschen anders sein können. Mit verallgemeinernden Aussagen wie “Stress macht krank” sollte man zwar vorsichtig umgehen. Allerdings gibt es immer mehr Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen persönlich erlebten Emotionen und entsprechende Reaktionen in den Körpersystemen.

Beispiele für mögliche Stressoren

Die Forschung der Psychoneuroimmunoendokrinologie erforscht immer weitere Zusammenhänge der einzelnen Systeme.

Die Psychoneuroimmunoendokrinologie befasst sich mit den Interaktionen und Zusammenhängen der Körpersysteme Psyche, Nervensystem, Immunsystem & Hormonsystem

Du solltest nun einen kleinen Eindruck über die Zusammenhänge zwischen Stress-, Nerven- & Hormonsystem erhalten haben. Keines dieser Systeme kann komplett unabhängig betrachtet werden.

Die Funktionsweise des Hormonsystems im Detail kannst du hier nachlesen: So entstehen Hormone.